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Idsteiner Teeladen

Notizen einer Teehändlerin

Noti­zen einer Tee­händ­le­rin #2 |Gespräch mit einer Tee­händ­le­rin in Chi­na



In den Som­mer­fe­ri­en war ich mit mei­nen Kin­dern in mei­ner Hei­mat­stadt Tangs­han und habe dort einen Tee­la­den besucht, den ich schon seit vie­len Jah­ren ken­ne.

Tangs­han liegt in der chi­ne­si­schen Pro­vinz Hebei. Es ist kei­ne Metro­po­le, aber wirt­schaft­lich eine der wich­tigs­ten Städ­te der Pro­vinz, eine Indus­trie­stadt mit lan­ger Tra­di­ti­on. Peking und Tian­jin lie­gen nicht weit ent­fernt, und durch die Lage am Meer ver­fügt Tangs­han sogar über einen eige­nen Hafen. Berühmt ist Tangs­han unter ande­rem für hoch­wer­ti­ges Por­zel­lan, Stahl und Koh­le sowie für sei­ne Ess­kas­ta­ni­en

Die Fami­lie, der die­ser Tee­la­den gehört, stammt ursprüng­lich aus Fuji­an, einer der wich­tigs­ten Tee­re­gio­nen Chi­nas. Die Fami­lie besitzt dort eige­ne Tee­gär­ten. Irgend­wann ver­schlug es sie nach Tangs­han, wo sie schließ­lich einen Tee­la­den eröff­ne­ten und hei­misch wur­den.

Mein Cou­sin wohn­te nicht weit von dem Laden ent­fernt. Er kauf­te dort regel­mä­ßig Tee und kam dadurch mit der Fami­lie ins Gespräch. Spä­ter stell­te er sie mei­nen Eltern vor. Und so kennt man sich bis heu­te.

Als die Fami­lie den Laden eröff­ne­te, waren es noch die Ehe­leu­te selbst, die das Geschäft betrie­ben. Der Mann fuhr regel­mä­ßig nach Fuji­an, um Tee aus den eige­nen Tee­gär­ten zu holen und die dor­ti­ge Ern­te zu über­neh­men; teil­wei­se kauf­te er auch Tee von ande­ren Pro­du­zen­ten dazu. Sei­ne Frau blieb in Tangs­han und führ­te den Laden.

Dann ver­gin­gen Jahr­zehn­te.

Ihr Sohn hei­ra­te­te eine Frau aus Tangs­han und blieb eben­falls hier. Die bei­den älte­ren Herr­schaf­ten sind inzwi­schen im Ruhe­stand und küm­mern sich zu Hau­se um ihre Enkel­kin­der. Wenn ich heu­te in den Laden kom­me, wer­de ich meis­tens von ihrer Schwie­ger­toch­ter bedient.

Nen­nen wir sie ein­fach mal M.

Als ich den Laden betre­te, sitzt M wie immer hin­ter ihrem gro­ßen Tee­tisch und berei­tet gera­de Tee zu. Ihr Sohn sitzt an einer Ecke des Tisches und macht Haus­auf­ga­ben. Als er mich sieht, begrüßt er mich kurz und ver­schwin­det dann im Lager. Dort, wie ich höre, gibt es ein iPad. Na dann.

M sieht etwas müde aus, begrüßt mich aber trotz­dem sehr herz­lich.

Ich: „Wie läuft das Geschäft in letz­ter Zeit?“

M: „Hm, nicht beson­ders gut. Seit der Pan­de­mie wird es eigent­lich jedes Jahr etwas schlech­ter. Und mein Sohn steht jetzt auch vor wich­ti­gen Prü­fun­gen. Das ist alles ziem­lich anstren­gend. Was möch­test du heu­te trin­ken?“

Ich: „Ich wür­de ger­ne Jin Jun Mei pro­bie­ren.“

M: „Ach, ger­ne. Ich mache dir ein­mal einen Tee aus der ers­ten Ern­te die­ses Jah­res und einen aus einer spä­te­ren Ern­te. Dann kannst du ver­glei­chen und schau­en, wel­cher dir bes­ser gefällt.
Der hier kommt übri­gens aus dem Wuyi-Gebir­ge. Das ist die Hei­mat mei­nes Man­nes.“

Ich: „Wow, der Tee ist wirk­lich unglaub­lich fein.“

M: „Für ein Kilo fer­ti­gen Tee braucht man fünf Kilo fri­sche Tee­blät­ter. Und die wer­den alle sorg­fäl­tig aus­ge­wählt.“

Ich:„Mach dir kei­ne Sor­gen. Jetzt ist Som­mer, Tee hat zu die­ser Jah­res­zeit ja ohne­hin kei­ne Hoch­sai­son.“

M: „Das stimmt. Im Som­mer ver­kau­fen wir tat­säch­lich weni­ger Tee. Hof­fent­lich wird es im Herbst wie­der etwas bes­ser.“

Ich: „Ich könn­te mir vor­stel­len, dass euer Geschäft ab Okto­ber bis zum Later­nen­fest rich­tig gut läuft, oder?“
(Die Geschenk­kul­tur ist in Chi­na sehr aus­ge­prägt. Ende Janu­ar oder Mit­te Febru­ar ist das tra­di­tio­nel­le chi­ne­si­sche Neu­jahr. In den Tagen rund um das Neu­jahrs­fest besucht man Ver­wand­te und Freun­de, und zu sol­chen Besu­chen gehört es prak­tisch dazu, ein Geschenk mit­zu­brin­gen. Tee ist für vie­le Men­schen eine der belieb­tes­ten Geschenk­ideen.)

M: „Wo denkst du hin, bis zum Later­nen­fest! Wir schlie­ßen schon am Tag vor dem Früh­lings­fest. Dann ist die Haupt­sai­son vor­bei. Wenn wir nach den Fei­er­ta­gen wie­der öff­nen, läuft das Geschäft deut­lich ruhi­ger.“

Ich: „Hast du eigent­lich einen Online-Shop?“

M: „Nein, so modern bin ich nicht. Aber inzwi­schen kau­fen vie­le Leu­te ihren Tee über Douy­in (Tik­Tok). Das ist schon eine ziem­lich gro­ße Kon­kur­renz. Wir leben eigent­lich haupt­säch­lich von unse­ren Stamm­kun­den.“

Ich: „Also sag mal, ich fin­de es echt lus­tig bei uns in Chi­na. Wir machen immer alles gebün­delt. Hun­der­te Tee­lä­den direkt neben­ein­an­der, und das Gan­ze nennt sich dann Tee­stadt. Alle Schuh­ge­schäf­te zusam­men, eine Schuh­stadt. Möbel, Eisen­wa­ren … alles hat sei­ne eige­ne Stra­ße oder sei­nen eige­nen Markt. Aber schau dir Deutsch­land an: Fach­ge­schäf­te lie­gen nor­ma­ler­wei­se nicht direkt neben­ein­an­der. Selbst wenn es in einer Stadt meh­re­re Tee­lä­den gibt, sind sie meis­tens über ver­schie­de­ne Stadt­tei­le ver­teilt.“

M: „Aber genau das ist doch gut! Wer in die Tee­stadt kommt, will schließ­lich Tee kau­fen. Dann läuft man her­um, schaut sich die ver­schie­de­nen Läden an, und wenn einem einer gefällt, geht man ein­fach hin­ein. Man pro­biert einen Tee, und wenn er schmeckt, kauft man ihn. Gibt es bei euch denn vie­le Tee­lä­den?“

Ich: „Ich bin der ein­zi­ge Tee­la­den in unse­rer Stadt.“

M: „Das ist ja groß­ar­tig! Gibt es denn vie­le Chi­ne­sen bei euch?“

Ich: „Nicht beson­ders vie­le. Aber auch die Deut­schen trin­ken Tee.“

M: „Ach so? Was für Tee trin­ken sie denn?“

Ich: „Schwarz­tee wird ziem­lich viel getrun­ken. Inzwi­schen sind aber auch Grün­tee und Weiß­tee sehr beliebt. Hast du eigent­lich auch sol­che Tee­mi­schun­gen, bei denen Früch­te und Kräu­ter mit Tee gemischt wer­den?“

M: „Was? Was ist das?“

Ich: „Manch­mal möch­te man eben nicht nur den rei­nen Geschmack eines Tees trin­ken, son­dern noch etwas ande­res dazu­ge­ben.“

M über­legt eine Wei­le.

„Nein, so etwas habe ich nicht. Ich habe getrock­ne­te Man­da­ri­nen­scha­le. Wenn du möch­test, kannst du etwas davon neh­men und es zu Weiß­tee geben. Das schmeckt ziem­lich gut.“

Ich: „Und wie gewinnst du nor­ma­ler­wei­se neue Kun­den? Machst du sonst nichts, kei­ne sozia­len Medi­en oder so?“

M: „Nein, ich mache so etwas nicht. Ich kann mit die­sen moder­nen Sachen nicht wirk­lich umge­hen. Wir leben von unse­ren Stamm­kun­den, die uns wei­ter­emp­feh­len. “

Ich: „Wel­cher Tee ver­kauft sich bei dir am bes­ten?“

M: „Im Som­mer ist Grün­tee am belieb­tes­ten. Im Win­ter ver­kau­fen wir vor allem Schwarz­tee und Pu-Erh.“

Ich: „Und wel­chen Tee trinkst du selbst?“

M: „Eigent­lich fast nur Pu-Erh. Ab und zu auch mal Grün­tee.“

Ich: „Ist die Mie­te hier teu­er?“

M: „Schon. Wir zah­len 50.000 Yuan im Jahr (ca.6300 euro). Aber der Laden ist grö­ßer als unser alter, des­halb ist es trotz­dem ange­neh­mer.“

Ich: „Glaubst du, dass jun­ge Leu­te in Chi­na heu­te über­haupt noch Tee trin­ken?“

M: „Nein. Jun­ge Leu­te trin­ken doch kaum noch Tee. Sie mögen Bubble Tea, Kaf­fee, Cola und sol­che Sachen.“

Ich: „Aber wenn die jun­gen Leu­te kei­nen Tee mehr trin­ken, hat das Tee­ge­schäft dann über­haupt noch eine Zukunft?“

M: „Kei­ne Ahnung. Viel­leicht fan­gen sie ja an, Tee zu trin­ken, wenn sie älter wer­den.“



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